Es gibt sie noch, die „guten“ Menschen, auch in der Großstadt. Manchmal laufen sie einem geballt über den Weg, dann sieht man sie wieder tagelang nicht. Offenkundig gehöre ich selbst auch nicht immer dazu, das hängt von der Tagesform ab.

Neulich war wieder ein Tag der Gutmenschen, wie ich ihn mal nennen möchte. Am Morgen beim Einkauf – ich hatte mich gerade an der Kasse angestellt – wurde ich von einem jungen Mann angesprochen. Er sah ganz gepflegt aus und bat mich eindringlich um ein paar Cent für etwas zu essen, weil er sonst gleich umkippen würde. Aus einem Instinkt heraus verneinte ich. Er ließ zunächst nicht so leicht locker, doch noch während ich darüber nachdachte, ob ich ihm ein paar Äpfel meines Einkaufs anbieten sollte, fokussierte er auf die Frau, die sich hinter mich in die Schlange gestellt hatte. Deren Reaktion auf ihn fand ich beachtenswert und ich wünschte, ich hätte ähnlich reagiert. Anstatt gleich „Nein“ zu sagen fragte sie ihn, was denn los sei, denn das sei ja schrecklich, dass er so geschwächt sei. Ich habe seine Antwort schon nicht mehr mitbekommen, vielleicht hatte er auch keine parat, jedenfalls war das Supermarkt-Personal inzwischen auf ihn aufmerksam geworden und forderte ihn auf, die Kundschaft in Ruhe zu lassen. Wenn er nichts kaufe, dann möge er doch bitte den Markt verlassen. Die an der Kasse wartende Kundschaft solidarisierte sich überwiegend mit dem jungen Mann. Der war etwas verwirrt, wollte einen Schokoriegel kaufen, den er kurz darauf in eine Flasche Bier umtauschte, und bekam die paar Cent für die Flasche Bier dann noch von einer Kundin spendiert. Die Dame, die sich zuvor im Gespräch so empathisch gezeigt hatte gab ihm zudem eine Packung Schokokekse aus, die er sogleich begann, hastig zu verschlingen. Meine Äpfel wurde ich in dem Trubel nicht mehr los.

Diese Szene hatte ich schon fast wieder vergessen, als ich am Abend das Gitarrenkonzert eines Freundes in Kreuzberg besuchte. Er spielte ganz spontan in einem kleinen Bistro. Ich kam viel zu spät, das Konzert war schon fast vorbei – was mir besonders leid tat, weil es dünn besucht war. So hatte ich allerdings Gelegenheit, mich in dem liebevoll gestalteten Raum umzusehen. Als ich den Blick gleiten ließ, fiel mir an der gegenüberliegenden Wand eine große Fotocollage auf, die zahlreiche Bilder und Zeitungsartikel eines Boxers enthielt. Da hatte der Wirt seine Boxhandschuhe offensichtlich gegen die Schürze eingetauscht.
Dass er ein äußerst großes Herz hat zeigte sich, als eine Frau mittleren Alters stark angetrunken ins Bistro torkelte. Angezogen durch die Gitarrenmusik wollte sie etwas trinken, hatte aber kein Bargeld dabei. Ohne mit der Wimper zu zucken bot Dino ihr einen Tee oder Kaffee an, nur Alkohol schenke er ihr nicht aus. Sie könne am nächsten Tag bezahlen, das sei kein Problem. Auch der zweite Kaffee und ein Espresso gingen zunächst auf die Rechnung des Hauses. So etwas gibt es noch, mitten in Berlin… ich war beeindruckt. Wie gesagt, manchmal laufen sie einem geballt über den Weg.